Gewalt bei Kindern senkt Lebenserwartung und erhöht Krankheitsanfälligkeit

Lesezeit: 2 Min.

Gewalt gegen Kinder hat viele Auswirkungen. Britische und US-amerikanische Forscher haben jetzt herausgefunden, dass sie auch die Lebenserwartung verringert.

Laut BGB haben Kinder in Deutschland ein Recht auf eine gewaltfreie Erziehung. Auch wenn mehr als 90 Prozent der Eltern einer gewaltfreien Erziehung zustimmen, gehören leichte körperliche Strafen vom Klaps auf den Po bis zur Ohrfeige noch für zwei Drittel der Kinder zur Realität. Rund sechs Prozent der Eltern geben zu, auch zu härteren körperlichen Strafen zu greifen.

Gewalt bei Kindern senkt Lebenserwartung und erhöht Krankheitsanfälligkeit
Gewalt bei Kindern senkt Lebenserwartung und erhöht Krankheitsanfälligkeit

Auch wenn die meisten Eltern heute aus Überforderung Gewalt anwenden und nicht, weil sie Schläge für eine adäquate Erziehungsmethode halten ‒ wenn Kinder Gewalt ausgesetzt sind, hat das fatale Folgen für ihre Entwicklung. Selbst wenn die blauen Flecken längst verheilt sind, leidet die Psyche des Kindes immer noch: Niedriges Selbstwertgefühl, Rückzug und Isolation bis hin zu Depression und Suizidgefahr können die Folge sein. Aus einem geschlagenen Kind wird häufig ein Erwachsener, der ebenfalls zu erhöhter Gewaltbereitschaft neigt.

Britische und US-amerikanische Forscher haben jetzt herausgefunden, dass Gewalt gegen Kinder auch genetische Spuren bei den Opfern hinterlässt. Bei Kindern, die Gewalt erfahren, verkürzen sich die Chromosomenenden in den Körperzellen. In einer Langzeitstudie wurden 1000 Zwillingspaare, die 1994 und 1995 in Großbritannien geboren wurden, bis heute begleitet. Die Kinder, die in ihrem Leben Gewalt erfahren hatten, zeigten bei DNA-Tests deutlich stärker verkürzte Chromosomenenden als ihre Altersgenossen, die von körperlicher Gewalt verschont geblieben waren. Je vielfacher die Gewalterfahrungen, desto deutlicher die Verkürzung.

Die Chromosomenenden, auch Telomere genannt, sind fadenartige Strukturen am Ende eines Erbgutmoleküls. Im Laufe eines Lebens werden die Telomere durch Zellteilung immer kürzer. Telomere sind daher die molekulare Uhr des menschlichen Körpers und ein Indikator für das biologische Alter eines Menschen. Wird ein Telomer zu kurz, geht genetische Information verloren und die Zelle kann ihre Aufgabe nicht mehr erfüllen.

Die Länge der Chromosomenenden lässt somit auf die Lebenserwartung schließen. Die verkürzten Telomere, die die Forscher in der Langzeitstudie bei den misshandelten Kindern vorgefunden haben, deuten somit auf eine verkürzte Lebensdauer hin, die bereits im Kindesalter durch den hohen Stress der Gewalt verursacht wurde. Auch Rauchen, Übergewicht und chronische Überforderung kann die Verkürzung der Chromosomenenden beschleunigen.

Verkürzte Chromosomenenden stehen außerdem im Verdacht, eine erhöhte Anfälligkeit für verschiedene Krankheiten zu verursachen. Auch eine geringere Lernfähigkeit steht damit in Zusammenhang. Man vermutet, dass der Stress die Menge an freien Radikalen im Körper erhöht und damit die Telomere beeinflusst. Weitere Studien sollen darüber Aufschluss geben.

U. Kohaupt Ursula Kohaupt
Gesundheitsredakteurin

aktualisiert am 29.07.2015
War dieser Artikel hilfreich?